Archiv für Dezember 2010

08.12. | Das falsche Aschenputtel

Von Zeit zu Zeit bekommt die Kinderoper auch hinter den Kulissen Besuch von ihren kleinen Gästen. So können die Kinder einen Blick in die Bereiche der Oper werfen, die den Zuschauern sonst verborgen bleiben. Von der Orchesterbrücke, die über der Bühne für die Sänger schwebt, kann man wie später die Musiker auf die Bühne und Zuschauerreihen hinabschauen. In den Garderoben laufen den Kindern die ersten Sänger über den Weg, manche tragen schon ihre Kostüme, andere verschwinden im Keller um sich einzusingen. Die Ankleider zupfen hier und da noch eine Krawatte oder eine Falte zurecht, damit auf der Bühne alle gut aussehen.

Heute wird Aschenputtel gespielt. In der Maske wird gerade einer der Gebrüder Grimm hergerichtet. Das wissen die Kinder noch nicht, sie sollen es erraten. Die graue Langhaarperücke, die die Maskenbildnerin gerade feststeckt und die gräuliche Schminke, die dem Darsteller Sévag Tachdjian aus Frankreich aufgetragen wurde sind eindeutige Indizien: Das muss Aschenputtel sein! Das Team der Kinderoper hat geschmunzelt. Wir freuen uns, wenn die kindliche Fantasie es zulässt, dass das Aschenputtel männlich, mit Brustbehaarung ausgestattet und ungefähr 2 Meter groß ist!

Text: Juliane Peters
Foto: Matthias Baus

06.12. | Tanzgastspiel »Love hurts … Petrushka«

7., 8. und 9. Dez. 2010 › 19.30 Uhr › Palladium

Lassen sich die Tanzwelten der Ballets Russes und des Streetdance zusammenführen? Diese Frage beantwortet das Projekt »Love hurts … Petrushka« mit einem klaren Jah, denn beide Tanzbewegungen eint das gleiche Grundgefühl. Anfang des 20. Jahrhunderts überwanden die Ballets Russes die künstlerische Stagnation. Neue, junge, wilde Tänzer, Choreografen, Musiker, bildende Künstler und Komponisten belebten das Ballett auf bis dahin unvorstellbare Weise und entfachten sowohl heftigen Prostest als auch riesige Begeisterungsstürme. Protest und Auflehnung wiederum sind die Themen des Streetdance, dessen Ursprung die Straße ist, die gesäumt ist von Verzweiflung, Unterdrückung und Demütigung. Der Tanz, der hier entsteht, bietet den Akteuren ein Ventil, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das Lebensgefühl dieser jungen Kultur unterwandert mit der ihr eigenen Sprache über den Tanz und die Musik die traditionelle Bühnenform des Ballets, verfremdet, ergänzt und bereichert sie. Dabei steht der Tanz nicht für sich, sondern eine starke Emotion wird in den Mittelpunkt gerückt: Das Leiden der Liebe, das Leiden Petrushkas in seiner Liebe zu einer schönen Ballerina. Seine Liebe bleibt unerwidert und führt schließlich zu einem tragischen Ende. »Petrushka« spielt vor dem Hintergrund einer bunten Jahrmarktswelt, die sich auch in der Musik widerspiegelt. Der Musiker und DJ Oppusum (Mike Dietrich) untermalt und ergänzt Strawinskys Musik mit Elementen des HipHop, Techno und anderen modernen Formen und musikalischen Ausdrucksweisen.

Weitere Informationen zu dem Tanzgastspiel finden Sie hier:
http://www.operkoeln.com/programm/48883/

06.12. | Das Drahtwerk der Moderne – Das Palladium

Die Postadresse des Palladium ist Schanzenstraße, aber wenn man sich ein wenig umschaut rechts und links auf dem Gelände, findet man noch Hinweise auf Straßennamen, die kein Stadtplan verzeichnet: Zink- oder Drahtstraße, Band- Hütten- und Eisenstraße. Ganz prosaisch, und jeder weiß oder ahnt gleich worum es hier ging: um Eisen und Draht in einem der größten Kölner Industriebetriebe des späten 19. Jahrhunderts – Felten & Guilleaume. Bei den Gebäuden war es noch banaler: Sie hatten lediglich Nummern. Das Palladium war die 75, da wurde einfach durchnummeriert in der Reihenfolge des Erbauens. Nur beim E-Werk auf der anderen Straßenseite gibt auch der Name Auskunft über die Funktion und enthält so ein wenig Geschichte.

F&G – so die gängige Bezeichnung – entstand schon Mitte des 19. Jahrhunderts aus einer Seilerei an der Ulrepforte in der Kölner Südstadt und siedelte sich 1874 im damals noch selbstständigen und weit vor Köln industriell entwickelten Mülheim auf der rechten Rheinseite an: immer ganz vorn an der technologischen Front. Die erste Dampfmaschine am Rhein stand bei F&G, man wuchs mit dem Bergbau, aber der Durchbruch gelang mit der Hardware für die neuen Kommunikationstechniken: Kabel! Industrie, Handel, Börse, auch Polizei und Militär, Wirtschaft und Politik hingen im neuen Deutschen Reich von schnellen Nachrichten und guten Verbindungen ab. F&G wurde noch größer mit den Überseekabeln nach Amerika und Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten mehr als 10.000 Menschen in den Mülheimer »Carlswerken« – so genannt nach Franz Carl Guilleaume, dem potentesten der Unternehmerdynastie.

In dieser Zeit, 1899, wurde die Maschinenbauhalle errichtet – heute das »Palladium«. Bis auf einen kleinen Rest der »Drahtwerke« nebenan geht es auf dem Areal heute nicht mehr um Stahl oder Kabel, aber immer noch um Kommunikation. Man hat das Industriegelände zwischen Keupstraße und Schanzenstraße als »Medienzentrum Ost« bezeichnet. Hier haben sich nach dem Niedergang der Altindustrie die neuen »Creative Industries« angesiedelt, vor allem Dienstleister rund um das Film- und Fernsehgeschäft. Hier entstehen Fernsehserien, Produktionsfirmen wie Brainpool, quirlige Investoren der Medienwirtschaft, Softwareentwickler und alle Arten von Zulieferern für TV-Produktionen arbeiten auf dem Gelände. Die Atmosphäre der aufgehübschten Industriedenkmäler reizt und animiert die neuen Kreativen, und inzwischen haben über 4.000 Menschen auf dem Areal neue Arbeitsplätze gefunden und oft auch geschaffen. Ein Zentrum der Kölner Kulturwirtschaft.

Palladium ist ein Edelmetall, man kennt es als Zahnersatz und in Abgaskatalysatoren und – das »Palladium« war ein berühmter Club im New York der 1950er Jahre, ein Mekka des Latin Jazz. Edelmetall und Vergnügen, das passt.

Text: Martin Stankowski
Bilder: Matthias Baus

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